Pressemitteilung: PISA-Studie: Es liegt nicht nur an den Schülerinnen und Schülern
Die Ergebnisse der PISA-Studie sollten Anlass zur Auseinandersetzung mit der Bildungssituation in Deutschland sein.
Dabei darf die Diskussion jedoch nicht darauf reduziert werden, Schülerinnen und Schüler für die Ergebnisse verantwortlich zu machen. Die Ursachen für Bildungsprobleme sind vielfältig und können sowohl im Schulsystem als auch in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und im Verhalten der Jugendlichen liegen.
Im Verlauf dieser Pressemitteilung wird mehrfach auf eine am 15. September 2026 durchgeführte Umfrage in einer 11. Klasse Bezug genommen. Insgesamt wurden 19 Schülerinnen und Schüler befragt. Die Ergebnisse dieser Umfrage
sind daher nicht repräsentativ für die gesamte Schülerschaft des Main-Taunus-Kreises, sondern geben lediglich einen Einblick in die Einschätzungen der befragten Klasse.
Wo liegen mögliche Probleme im Schulsystem?
Ein möglicher Faktor sind die großen Wissens- und Leistungsunterschiede innerhalb von Klassen. 100 % der Befragten bewerteten die Aussage, dass es innerhalb von Klassen große Wissensunterschiede geben kann, als zutreffend. Wenn Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam unterrichtet werden, kann individuelle Förderung schwierig werden – insbesondere bei großen Klassen und begrenzten personellen Ressourcen. Auch die frühe Festlegung des schulischen Werdegangs kann kritisch betrachtet werden. Es stellt sich die Frage, ob Bildungswege ausreichend durchlässig sind und ob Schülerinnen und Schüler genügend Möglichkeiten erhalten, sich
unabhängig von ihrer sozialen Herkunft weiterzuentwickeln.
„Wir kritisieren seit Jahrzehnten das, was die Zahlen erneut zeigen: Wo Kinder nach der vierten Klasse sortiert werden und individuelle Förderung auf dem Papier bleibt, prägt die soziale Herkunft den Bildungsweg stärker, als es ein gerechtes Schulsystem zulassen darf. Länger gemeinsam lernen ist keine Ideologie, sondern das, was die erfolgreichsten Bildungssysteme der Welt tun.“, so der Landesschulsprecher Hessen Laurenz Spies.
Das vorstehende Zitat wurde wörtlich aus der Pressemitteilung der Landesschüler*innenvertretung Hessen (LSV Hessen) mit dem Titel „PISA 2025: Landesschülerinnenvertretung fordert Kurswechsel in Hessen“*, veröffentlicht am
09.September. 2026 auf der Website der LSV Hessen, übernommen. Aufgerufen am 21.09.2026 um 17:45 über den Link: PISA 2025: LSV fordert Kurswechsel in Hessen! - Landesschüler*innenvertretung Hessen
Hinzu kommt ein hoher Leistungsdruck. Dieser kann von verschiedenen Seiten entstehen: durch gesellschaftliche Erwartungen, durch Eltern, aber auch durch schulische Anforderungen. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass Schülerinnen und Schüler vor allem für Klassenarbeiten und Prüfungen lernen, anstatt Wissen langfristig zu verstehen
und praktisch anwenden zu können. Auch diese Einschätzung teilten 100 % der Befragten in der durchgeführten Umfrage.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Chancengleichheit. Bildungserfolg kann von unterschiedlichen Voraussetzungen abhängen, etwa von der Unterstützung im Elternhaus, finanziellen Möglichkeiten oder dem Zugang zu Bildungsangeboten.
Aber auch Jugendliche tragen Verantwortung
Eine ausgewogene Diskussion darf allerdings nicht ausschließlich das Schulsystem kritisieren. Auch das Verhalten von Jugendlichen kann einen Einfluss auf den schulischen Alltag und das Lernen haben. Die intensive Nutzung von Smartphones und sozialen Medien wird beispielsweise häufig als möglicher Faktor für Ablenkung und Konzentrationsschwierigkeiten diskutiert. Auch der Stellenwert des freiwilligen Lesens und anderer Formen des selbstständigen Lernens hat sich durch die veränderte Mediennutzung verändert. Auch psychische Belastungen können das Lernen beeinflussen. Dabei sollte jedoch vermieden werden, Jugendliche pauschal als „faul“ oder „unmotiviert“ darzustellen. Vielmehr muss betrachtet werden, welche persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen hinter fehlender Motivation oder Konzentrationsproblemen stehen können.
Die Familie als weiterer Einflussfaktor
Auch das Elternhaus kann den schulischen Werdegang beeinflussen. Dabei können unterschiedliche Situationen eine Rolle spielen: Manche Jugendliche erhalten möglicherweise wenig Unterstützung beim Lernen, während andere
einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Darüber hinaus kann auch die politische und gesellschaftliche Bildung innerhalb der Familie eine Rolle spielen. Gespräche über gesellschaftliche Entwicklungen, Politik und aktuelle Ereignisse können Jugendlichen dabei helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Schule muss sich an eine veränderte Gesellschaft anpassen
Deutschland ist eine vielfältige und multikulturelle Gesellschaft. Schulen müssen deshalb mit unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und sozialen Voraussetzungen umgehen. Das stellt zusätzliche Anforderungen an Unterricht und individuelle Förderung.
Gleichzeitig verändert sich die Lebenswelt der Jugendlichen. Digitale Medien, soziale Netzwerke und neue Formen der Informationsbeschaffung gehören heute zum Alltag. Schule muss deshalb auch die Frage beantworten, welche Kompetenzen Jugendliche für diese veränderte Lebenswelt benötigen.
Von der Schuldfrage zur Problemlösung
Die PISA-Studie sollte deshalb nicht als einfache Schuldzuweisung verstanden werden. Schwache Ergebnisse sind Anlass, über Verbesserungen im Bildungssystem nachzudenken, sollten aber nicht dazu führen, ausschließlich Schülerinnen und Schüler, Eltern oder Lehrkräfte verantwortlich zu machen. Die Studie kann vielmehr als eine Art Spiegel verstanden werden, der aufzeigt, an welchen Stellen Probleme im Bildungssystem und in seinem gesellschaftlichen Umfeld bestehen könnten. Entscheidend ist daher nicht nur die
Frage, wer für die Ergebnisse verantwortlich ist, sondern welche konkreten Lösungen möglich sind. Dabei könnte der Unterricht stärker auf angewandtes Wissen, Problemlösung und selbstständiges Denken ausgerichtet werden. Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur Wissen für Prüfungen erwerben, sondern auch lernen, dieses Wissen auf reale Situationen anzuwenden. Die Diskussion über PISA sollte deshalb weniger von der Frage geprägt sein, wem die Schuld zuzuweisen ist, sondern davon, wie Schulen, Eltern, Politik und Gesellschaft gemeinsam bessere Lernbedingungen schaffen können. Die Ergebnisse der Studie sollten dabei nicht als Weltuntergang verstanden werden, sondern als Anlass, bestehende Strukturen zu hinterfragen und mögliche Verbesserungen zu entwickeln.

Kommentare